Interview mit dem Street Art Künstler seiLeise

Der Street Art Künstler seiLeise ist seit 10 Jahren auf der Straße aktiv und kommentiert mit Stencil-Kunstwerken und anderen Techniken der Urban Art gesellschaftliche Entwicklungen und das globale Geschehen. Wir haben den Kölner bei einem seiner Streifzüge durch die Stadt begleitet und mit ihm über seine Kunst gesprochen.


Urbanshit Gallery: Wie bist bist du zur Kunst gekommen oder ist die Kunst zu dir gekommen?

seiLeise: Den Ursprung dieser Kausalkette vermag ich so klar nicht zu bestimmen. Es ist die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Obwohl ich mit Buntstift in der Hand aufgewachsen bin und seiLeise dieses Jahr 10 Jähriges feiern sollte, verstehe ich mich erst seit wenigen Jahren überhaupt erst als Künstler.

Als Begleiter ist mir die Kunst schon immer vertraut. Ich habe sie nur lange nicht für mich nutzen können. Graffiti hat mich in der Jugend beschäftigt, als Grafiker hab ich meine schulische Laufbahn beendet, die Erfüllung zeitweise im Architekturstudium gesucht. Schlussendlich bin ich bei der Street Art gelandet und mich mit ihr zum Künstler entwickelt.

Was steckt hinter deinem Künstlernamen „seiLeise“? Unauffällig und leise ist die Kunst die du machst ja nicht unbedingt.

Es ist vielleicht eine Mahnung an mich selber oder eine Empfehlung an laute Menschen, mal wieder öfter zuzuhören. Sicher aber ein Spiegel meiner Selbstwahrnehmung. Auf leisen Sohlen, sich im Schatten der Großstadt bewegend. Ich schätze und suche die Aufmerksamkeit anderer nicht während ich Kunst praktiziere.

Die Art von Street Art die ich umsetze ist weder laut noch aufdringlich, sie findet zwar vor den Augen derjenigen Menschen statt, die sich im öffentlichen Raum bewegen, doch ist sie physisch so klein und unscheinbar, das Betrachter schon konditioniert sein müssen, um sie überhaupt wahrnehmen zu können. Meine Arbeit ist ein Fleck im Farbenmeer der Großstädte.

Deine Kunst soll ganz offensichtlich nicht nur schön sein, sondern auch eine Botschaft vermitteln. Wo durch sind deine Motive und Werke inspiriert?

Wie viele Street Art Künstler, bediene ich mich an den Themen, Problemen, Entwicklungen, gesellschaftlicher oder politischer Natur. Ich bemühe mich immer am Puls der Zeit die Themen zu bedienen, die Menschen beschäftigen und emotional berühren.

Ich bemühe mich, soweit es meine moralischen Werte zulassen, Menschen mit meiner Kunst Impulse mit auf ihren Weg zu geben. Welche Botschaft daraus erwächst, liegt dabei bewußt im Auge des Betrachters.

Sollte Street Art immer auch eine politische Message haben, damit es gute Kunst ist?

Das sollte Instanzen vorbehalten bleiben, die mit gebührendem Abstand einen umfassenden Blick auf die Sache haben. Ich sehe mich als Künstler, der unumstritten ein Teil des Bewegung ist, und nicht berechtigt ist darüber zu urteilen. Allgemein lässt sich sagen, Kunst berührt Herz und Seele. Wenn es diese Kriterien erfüllt, ist es wohl gute Kunst.

Du reagierst mit deinen Motiven oft ganz konkret auf aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie. Ist die Kunst deine persönliche Strategie mit dem Zeitgeschehen umzugehen?

Strategie ist mir in dem Zusammenhang zu verkopft. Künstler sind im allgemeinen nicht dafür bekannt nach Plänen zu arbeiten oder bewusst Strategien zu entwickeln. Viele Werkzeuge und Techniken entwickeln sich aus der Anwendung heraus. Das Zeitgeschehen ist für mich ein primärer Impulsgeber um den Kreativprozess, von Idee bis Umsetzung, in Gang zu bringen und am Laufen zu halten. Die Gesellschaft ist ein sich niemals erschöpfender Quell an Themen die sich kommentieren lassen.

Im Mittelpunkt deiner Werke stehen oft Kinder. Wieso gerade Kinder?

Kinder sind unschuldig. Sie haben die Welt noch nicht durch ihre Taten geprägt. Damit repräsentieren sie für mich die Gegenwart. Kinder sind dazu verdammt, die Welt so hinzunehmen, wie wir sie ihnen geschaffen haben, bevor sie die Möglichkeit bekommen, sie zu prägen und mitzugestalten.

Deine Stencils sind nicht nur einfach detailliert geschnitten, sondern transportieren auch Stimmungen und Emotionen. Woher stammen die Vorlagen für deine Schablonen?

Ich verwende so ziemlich alles, was ich in die Hände bekomme und verarbeiten kann. Von der Zeichnung / Skizze, über Fotografien, 3D-Modellen, bis hin zur Photoshop-Collage. Alle Vorlagen werden auf ihrem Weg zum Endergebnis in Illustrator verarbeitet.

Die meisten kennen vermutlich vor allem deine Stencil Arbeiten, dabei gehörst Du auch zu den Pionieren des Reverse Graffiti in Deutschland. Verwendest Du die Technik nach wie vor in Deiner Kunst?

Zwar bin ich nicht der erste, doch einer von wenigen die Reverse Graffiti betreiben. Es ist Teil meiner DNA. Ich habe vor zehn Jahren die Reverse Graffiti Technik für mich entdeckt. Vor fünf Jahren hab ich die Disziplin gewechselt und mich Multi Stencils und Paste Ups gewidmet. Auch um technisch den Horizont zu erweitern und neue Möglichkeiten zu erschließen. Aktuell führe ich die beiden parallel laufenden Techniken zusammen, um ein weiteres Alleinstellungsmerkmal zu schaffen und meinen Werdegang in meine künstlerische Arbeit zu projizieren.

Du gehörst zu den Stencil Künstlern, die ihre Kunst nahezu tagtäglich auf die Straße bringen. Welche Rolle spielt der öffentliche Raum für Dich als Künstler und deine Arbeit?

Der öffentliche Raum ist einer der zentralen Dreh- und Angelpunkte im Schaffen eines Street Art Künstlers. So auch für mich. Der öffentliche Raum verkörpert die Leinwand für meine Motive. Er ist der Anker, der mich als Street Art Künstler definiert und legitimiert. Ideologisch treibt mich der Wille auf die Straße, den öffentlichen Raum mit gestalten zu wollen. Das etablierte Grau der Stadt nicht akzeptieren zu müssen, Kultur zugänglich zu machen, nicht der Werbung alleine die Farbgestaltung des urbanen Raums zu überlassen.

Street Art und Graffiti sind Symbole für eine freie und diverse Gesellschaft. Es ist ein Kommentar unseres Gesellschaftlichen und politischen Miteinanders. Diese Aspekte treiben mich an. Wenn Menschen sich auf ihren Wegen an Street Art erfreuen können und deren Lächeln mich erreicht, fühle ich mich in dem was ich mache bestätigt.

Kann Street Art nur in Koexistenz mit der Stadt als grenzenlose Dauer-Ausstellung funktionieren oder kann Street Art auch ohne den öffentlichen Raum existieren?

Street Art ohne Street ist nur noch Art. In meiner Wahrnehmung lässt sich diese Definition nicht beugen. Motive, die von mir und anderen Künstlern in die Stadt dieser Welt getragen werden, gehen eine Harmonie mit der Umgebung ein. Einmal platziert, ist die Straße der Lebensraum dieser Kunst. Sie diesem Lebensraum zu entreißen, bedeutet sie ihrer Seele zu berauben. Es macht die Street Art aus, das sie für jeden zugänglich den öffentlichen Raum bespielt. Street Art ohne Straße ist nur ein Schatten ihrer selbst. Die Herausforderung in der Bedienung des Kunstmarkts besteht darin, so viel Seele wie möglich in die Adaption der Street Art zu projizieren.

Vielen Dank für das Interview.

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